Barrierefreiheit im Web als Chance, Teil 1: User Experience
Barrierefreiheit im Netz ist ab 28.06.2025 eine gesetzliche Vorschrift, in Österreich geregelt durch das Barrierefreiheitsgesetz (BaFG)
Barrierefreiheit trägt direkt zu Ihrem Geschäftserfolg bei.
Warum das so ist, erklären wir im folgenden Beitrag. Für alle, die nicht viel Zeit zum Lesen haben, sei in aller Kürze gesagt: Barrierefreiheit verbessert die User Experience und davon profitieren Ihre Kunden und somit auch Sie.
Das Konzept "User Experience" und der Geschäftserfolg
User Experience (UX) beschreibt das ganzheitliche Erlebnis, welches Menschen bei der Interaktion mit einem Produkt, System oder einer Dienstleistung haben
35% des Umsatzes in E-Commerce geht durch schlechte UX verloren.
In der digitalen Welt ist gutes UX-Design entscheidend für den Erfolg von Produkten und Dienstleistungen: schlechte UX führt zu geringerer Konversionsrate
Barrierefreiheit hilft nicht nur Randgruppen
Es ist ein Missverständnis, dass nur kleine Nutzergruppen von Barrierefreiheit profitieren. Oft kommen Anpassungen für Barrierefreiheit einer größeren Gruppe als dem ursprünglichen Zielpublikum zugute. Dafür gibt es einen eigenen Begriff: "Curb Cut Effekt"
Einrichtungen, die ursprünglich für Menschen mit Behinderungen konzipiert wurden, kommen oft einer viel größeren Bevölkerungsgruppe zugute.
Dieser Effekt lässt sich auch im digitalen Bereich beobachten, beispielsweise bei Videos mit Untertiteln. Untertitel waren seit dem Aussterben des Stummfilms für Menschen mit Hörbehinderung vorgesehen, jedoch profitieren heute auch viele hörende Menschen davon, wenn sie sich Videos unter erschwerten Bedingungen ansehen – etwa in einer lauten Umgebung oder einer fremden Sprache
Bessere UX durch Barrierefreiheit
Kommen wir zurück zum BaFG. Ein Online-Service ist dann barrierefrei im Sinne des BaFG, wenn er die AA-Kriterien der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) ab Version 2.1 erfüllt. Denn das BaFG setzt den European Accessibility Act um, welcher über die Norm EN 301 549 auf den WCAG beruht. Wir beziehen uns im Folgenden auf die Stand Feber 2025 neueste Version 2.2 der WCAG.
In den WCAG sind vier Säulen der Barrierefreiheit beschrieben: Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit. Es ist trivial, zu zeigen, dass jeder dieser Aspekte gängige UX-Guidelines unterstützt. Eine ergiebige Ausführung dieser Behauptung würde den Rahmen unseres Beitrages sprengen, daher müssen wir sie an dieser Stelle schuldig bleiben und zu einem späteren Zeitpunkt nachreichen. Stattdessen beschränken wir uns hier auf zwei praktische Beispiele, die demonstrieren sollen, wie die UX von Barrierefreiheit profitiert.
Beispiel: Kontrastverhältnis
Der Farbkontrast von Text gegenüber dem Hintergrund beeinträchtigt die Lesbarkeit auf Bildschirmen massiv
Abbildung 1 und Abbildung 2 demonstrieren zwei Kontrastverhältnisse. Abbildung 1 erfüllt mit 3.05:1 WCAG2.1 AA nicht, Abbildung 2 mit 6.22:1 jedoch schon.
Der Text in Abbildung 1 ist bereits unter guten Bedingungen anstrengend zu lesen. Ein Benutzer, der diesen unterwegs bei Tageslicht auf dem Smartphone lesen will, wird noch größere Schwierigkeiten haben. Das wirtschaftliche Argument ist denkbar einfach: kann eine potenzielle Kundin Ihre Produkt- oder Leistungsbeschreibung nicht lesen, wird sie kein Geld dafür ausgeben.
Beispiel: Fehlerhinweise
WCAG2.2 AA-Kriterium 3.3.3 gibt vor, dass der Benutzerin bei einem Eingabefehler ein entsprechender Vorschlag gemacht wird, wie der Fehler zu beheben ist. Dies kann beispielsweise dadurch erreicht werden, dass ein Muster für korrekte Eingaben angezeigt wird.
Versucht man etwa auf Booking.com Unterkünfte zu filtern, ohne etwas eingegeben zu haben, erscheint die in Abbildung 3 dargestellte Meldung. Solche und ähnliche Hinweise, die dem Benutzer Lösungsvorschläge machen, gelten seit langem als gute Praktik im UX-Design
Der wirtschaftliche Nutzen ist auch hier schnell ersichtlich: kann eine potenzielle Kundin Ihr Formular nicht korrekt ausfüllen, wird sie schnell das Interesse an der Kontaktaufnahme oder dem Kauf verlieren.
Conclusio
Anhand zweier praktischer Beispiele haben wir dargestellt, wie grundlegend die Anforderungen der Barrierefreiheit für gute Bedienbarkeit sind und dass Sie mit barrierefreien Angeboten nicht nur einen Beitrag zur Inklusion leisten, sondern auch die Frustration aller Benutzer reduzieren.
UX hat messbaren Einfluss auf den Geschäftserfolg. Barrierefreiheit trägt zu guter UX bei. Machen Sie daher die gesetzlichen Vorschriften des BaFG zu einer Bereicherung für Ihre digitalen Services und nutzen Sie die Barrierefreiheit als Chance für Ihr Unternehmen, um die Kundenzufriedenheit zu steigern.
Übrigens: Barrierefreiheit kommt nicht nur der UX zugute, sondern auch den technischen Aspekten Ihrer Online-Services, wie zum Beispiel der Suchmaschinenoptimierung. Wie das funktioniert, erzählen wir Ihnen im nächsten Beitrag. Bis dann!